Eduardstrasse 10

rechts im BIld das (renovierte und umgebaute) Geburtshaus von Roman Langmann.

links ein weitgehend original erhaltenes Wohnhaus

Herkunft

Herkunft der Familie Langmann

Roman Langmann wurde am 26. Februar 1903 in Hamborn am Rhein als Sohn von Franz und Anna Langmann (geb. Wieser) geboren.1 Das Ehepaar stammte aus Sierling bei Stainz in der Weststeiermark und hatte dort am 2. Oktober 1892 geheiratet. Nach der Geburt der ersten drei Kinder (Anna, 24.10.1893; Franz, 14.11.1895; Anton, 29.11.1897) wanderte das junge Ehepaar ins Deutsche Reich aus, in der Hoffnung, im Ruhrgebiet bessere Verdienstmöglichkeiten zu finden. Sie ließen sich schließlich in Hamborn, einem heutigen Stadtteil von Duisburg, nieder und bezogen eine Wohnung in der Eduardstraße 10. Franz Langmann hatte in der Steiermark zuletzt als Mühlenwächter gearbeitet und verdingte sich nun als Bergmann.2

Seit 1874 wurden in Hamborn Schachtanlagen zur Kohleförderung errichtet. Diesen Zechen folgten Kokereien und Hüttenwerke nach, die in Hamborn-Duisburg vor allem durch die Firma Thyssen bis zum Ersten Weltkrieg zu einem voll integrierten Hüttenkonzern ausgebaut wurde. Von 1900 bis 1910 erlebte das Ruhrgebiet einen enormen Aufschwung und Hamborn wuchs in dieser Zeit von 28.000 auf über 100.000 Einwohnern.3

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1 Laut Eintrag Geburtsurkunde und Taufbuch ROB 195 des Bistum Essen. In späteren Dokumenten wird auch der 28. Februar 1903 angegeben.

2 Verschiedene Matrikeneinträge der Pfarre Stainz, Marticula Online: Franz Langmann, geb. 24.9.1860; Anna Wieser, geb. 16.7.1867; Anna Langmann, geb. 24.10.1893; Franz Langmann, geb. 14.11.1895; Anton Langmann, geb. 29.11.1897.

Geburtsurkunden Anna Müddders und Roman Langmann

In der Region herrschte ein ständiger Arbeitskräftemangel, der nur durch die massive Zuwanderung gedeckt werden konnte. Und obwohl die Masse der Zuwanderer völlig unerfahren war, gab es bis zum Ersten Weltkrieg kein Ausbildungssystem im Bergbau, so dass die Arbeiter unvorbereitet in die Gruben einfahren mussten. Der Bergbau um die Jahrhundertwende zeichnete sich auch durch eine hohe Sterblichkeitsrate unter den Bergleuten aus, was nicht zuletzt auf die allgemein belastenden Arbeitsbedingungen zurückzuführen war. In den Gruben herrschten nicht selten Temperaturen von weit über 30°C. Bei hoher Luftfeuchtigkeit, dem Ruß der Grubenlampen, den Sprengrückständen und der starken Staubentwicklung musste schwere körperliche Arbeit geleistet werden. Dies führte dazu, dass die Bergleute im Ruhrgebiet durchschnittlich nach 17,2 Berufsjahren im Alter von 41,8 Jahren erwerbsunfähig wurden.1

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1 Martin, M. (2009). Allgegenwärtiger Tod: Arbeitsbedingungen und Mortalität im Ruhr-Bergbau bis zum Ersten Weltkrieg. Historical Social Research, 34(4), 154-173.

1890 1925

Vergleich der Stadtpläne von Hamborn um 1890 und um 1925

Franz Langmann starb am 17. Dezember 1905 in Hamborn im 46. Lebensjahr an „Lungenschwindsucht“ und hinterließ eine Frau mit sechs kleinen Kindern. Anna Langmann vermählte sich erneut und heiratete am 3. Mai 1910 in Hamborn den ebenfalls aus der Weststeiermark stammenden Rudolf Silly (geb. am 5. April 1880 in Schwanberg).1

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1 Matrikeneinträge Bistum Essen online.

Die Kriegswirtschaft des Ersten Weltkrieges führte an der Heimatfront im Deutschen Reich zu katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen, die an die Frühzeit der Industrialisierung erinnerten. Streiks und Aufstände waren die Folge, die noch nach Kriegsende zu revolutionären Umwälzungen und schließlich zur Ausrufung der (Weimarer) Republik führten. Roman Langmann, der nach der Einschulung acht Klassen Volksschule besucht hatte, wuchs in den Wirren der Nachkriegszeit auf, in den Erschütterungen von Revolution, Besatzung, Putschversuchen und zuletzt der immer schneller galoppierenden Inflation.

Teile der Familie Langmann übersiedelten nach dem Ersten Weltkrieg wieder zurück in die Steiermark. So heiratete Anna Langmann, die älteste Schwester von Roman Langmann im Juli 1922 in Schwanberg den Motorführer August Schneider.1 Auch Rudolf und Anna Silly zogen zurück nach Österreich und ließen sich in Schwanberg nieder.2

Roman Langmann blieb dagegen, wie zum Beispiel auch sein Bruder Anton Langmann, in der Rheinprovinz.3 Er verdiente, in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Zeit, seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter. Erst mit der Währungsreform 1923 kehrte im Deutschen Reich langsam wieder Normalität ein.

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1 Matrikeneintrag der Pfarre Schwanberg. Anna Schneider, geb. Langmann (24.10.1893-27.1.1981 in Wagna).

2 Rudolf Silly (5.4.1880-20.12.1942 in Schwanberg). Anna Silly, geb. Wieser, verw. Langmann (16.7.1867-15.11.1941 in Schwanberg).

3 Die Rheinprovinz (auch Provinz Rheinland genannt) war eine von 1822 bis 1945 bestehende Provinz Preußens am namensgebenden Rhein.

nächste Stationen

Schwanberg Rheydt

Roman Langmann, der seit einigen Jahren in Rheydt wohnte, heiratete am 31. Oktober 1925 in der heute zu Mönchengladbach gehörenden Stadt die Hilfsarbeitertochter Anna Müdders. Anna Langmann war am 5. Oktober 1900 in Rheydt zur Welt gekommen. Ihr Vater Nikolaus Müdders (geb. 21.7.1858) war jedoch bereits 1905 verstorben. Auch ihre später wiederverheiratete Mutter Helena Müdders (geb. Frings, 11.10.1856-14.10.1928) starb in den 1920er Jahren. Bereits am 2. Juli 1924 hatten sie ihren ersten, durch die Eheschließung legitimierten, Sohn Heinrich bekommen. Roman und Anna Langmanns zweiter Sohn Roman wurde am 27.10.1931 in Rheydt geboren.

Roman und Anna Langmann in den 1930ern

In der Weltwirtschaftskrise nach 1929 setzten viele Betroffene, die in langen Schlangen vor den Arbeitsämtern warteten, ihre Hoffnung auf den Kommunismus, so auch Roman Langmann. Politisch profitierte die KPD neben der NSDAP am stärksten von der Krise und ihren sozialen Folgen. Bis zu den Reichstagswahlen im November 1932 konnte die KPD einen kontinuierlichen Stimmenzuwachs verzeichnen und schließlich als drittstärkste Partei fast sechs Millionen Wähler erreichen.1

Bereits 1933, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, begann in allen größeren Städten der Rheinprovinz eine Serie von Verhaftungen und Prozessen, die Tausende von Kommunisten in die Hände von Gestapo und Justiz brachte. Die Kommunisten leisteten den entschiedensten Widerstand gegen das NS-Regime und waren auf die Illegalität vorbereitet. Sie versuchten, vor allem in den Ballungszentren, auf ein baldiges Ende der Diktatur hinzuwirken und organisierten Hilfe für verhaftete „Kameraden“, hielten Kontakt zu emigrierten Funktionären. Vor allem mit Broschüren, Flugblättern oder Wandparolen sollte eine antifaschistische „Gegenöffentlichkeit“ geschaffen werden, um den Glauben an den Nationalsozialismus zu erschüttern.2

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1 Deutsches Historische Museum, Die Kommunistische Partei Deutschlands, https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/kpd (Abruf: 25.10.2024).

2 Aussage Roman Langmann. StLA, LGS-Graz-Vr-303-1938.

Heiratsurkunde Anna und Roman Langmann

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Austrofaschismus

Roman Langmann im Widerstand

Roman Langmann, der nicht deutscher, sondern österreichischer Staatsbürger war, wurde nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus dem Deutschen Reich ausgewiesen. Er zog mit seiner Familie im August 1933 nach Schwanberg und war schließlich ab dem 11. September 1933 in Graz, Steinbergstraße 24, gemeldet.1 In Graz wurde am 1. April 1935 auch das dritte Kind von Roman und Anna Langmann, Anna Lore, geboren.2

Die Familie lebte in beengten Verhältnissen und musste mit 2,88 ÖS pro Tag auskommen, die Roman Langmann als Arbeitslosenunterstützung erhielt. Die Wohnung bestand aus einem Zimmer mit zwei Doppelbetten und Schränken, einer Bettbank, einem kleinen Tisch mit Hocker und einer kleinen Küche, in der sich neben einem Kohleofen ein Tisch mit einem Sessel, eine Sitzbank, eine Anrichte und eine Bettbank befanden.3

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1 Aufenthaltsbescheinigung Roman Langmann, Einwohnermeldeamt Stadt Graz. Aussage Roman Langmann. StLA, LGS-Graz-Vr-303-1938.

2 Familienstammbuch: Familie Langmann.

3 StLA, LReg-Opferfürsorgeakt zu Roman Langmann.

Die Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre führte auch in Österreich zu Massenarbeitslosigkeit, Armut und politischer Instabilität, die schließlich in den austrofaschistischen Ständestaat unter dem christlich-sozialen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß mündete. Das Verbot der Kommunistischen Partei Österreichs am 26. Mai 1933 war der erste Schritt zur Ausschaltung der Demokratie und der Arbeiterbewegung. Nach den Februarkämpfen 1934 und dem Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) schlossen sich viele ehemalige SDAP-Mitglieder der KPÖ an, die in der Illegalität ihre politische Arbeit fortsetzte und organisierten Widerstand leistete.1

Bereits vor dem Mai 1933 waren hunderte Funktionäre der KPÖ verhaftet worden und polizeilichen Repressalien ausgesetzt. Im austrofaschistischen Ständestaat verfolgte die KPÖ das Konzept einer Volksfront, in der Arbeiter und Bauern gemeinsam gegen den Austrofaschismus, gegen den Nationalsozialismus und für die Unabhängigkeit Österreichs kämpfen sollten. Die KPÖ versuchte zunächst, in der Illegalität durch Schulungen und Solidaritätsaktionen die Parteistruktur aufrechtzuerhalten und durch selbstverfasste Flugschriften und illegale Zeitungen und Zeitschriften Widerstandsaktionen zu setzen, um das Meinungsmonopol zu brechen.2

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1 Widerstand und Verfolgung in der Steiermark. ArbeiterInnenbewegung und PartisanInnen 1938–1945, herausgegeben vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, mit einer Einführung von Heimo Halbrainer, Clio-Verlag, Graz 2019, 12ff.

2 Vgl. ebda.

Roman Langmann trat nach seiner Ankunft in Graz noch im Jahr 1933 der inzwischen verbotenen Kommunistischen Partei Österreichs bei.1 Laut einem Bericht der Bundespolizeidirektion, Staatspolizeilichen Büros an die Staatsanwaltschaft Graz, wurde Roman Langmann erstmals am 10. Februar 1935 wegen kommunistischer Betätigung verhaftet und zu sechs Monaten Polizeiarrest verurteilt, den er im Anhaltelager Messendorf verbüßte.2 Er galt für die Staatsanwaltschaft als politischer Leiter des KP-Bezirks Graz. Bei seiner Verhaftung nach einer Versammlung in Köflach hatte man bei Langmann ein Schreiben des Zentralkomitees und einen größeren Geldbetrag an Mitgliedsbeiträgen gefunden. Am 2. Oktober 1936 wurde Roman Langmann erneut verhaftet. Für insgesamt elf KPÖ-Mitglieder (neun Männer und zwei Frauen) waren Anfang Oktober 1936 nach einer Aussage von Johann Rotter Haftbefehle ausgestellt worden. Dieser war bereits am 29. September 1936 festgenommen worden und hatte nach mehreren Verhören ein umfassendes Geständnis abgelegt. Rotter gab an, „Litmann“ (zuständig für die Verteilung von Zeitungen und Flugblättern) des V. Grazer Bezirks gewesen zu sein und beschuldigte unter anderem den zum Zeitpunkt seiner Verhaftung arbeitslosen Roman Langmann, als „Litmann“ der Klusemannsiedlung (einer Arbeitersiedlung in Graz-Wetzelsdorf) fungiert zu haben. Er hätte an Langmann umfangreiches Propagandamaterial (darunter die Zeitschrift „Die Rote Fahne“, das Zentralorgan der KPÖ, sowie diverse Broschüren und Flugblätter) abgegeben und von ihm eingesammeltes Geld erhalten.3

Roman Langmann bestritt in den Verhören der Bundespolizei die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und verweigerte jede weitere Aussage. Am 17. Februar 1937 wurde schließlich Anklage gegen sechs Beschuldigte erhoben.4 Roman Langmann wurde am 27. Februar 1937 zusammen mit drei weiteren Mitangeklagten aus Mangel an Beweisen freigesprochen, aber nicht aus der Haft entlassen.5 Er blieb insgesamt sechs Monate in Arrest. Kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, am 13. Jänner 1938, wurde Roman Langmann neuerlich verhaftet.6 Zwischen 1933 und dem „Anschluss“ 1938 war Roman Langmann insgesamt ein Jahr und 26 Tage in Haft.7

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1 Bestätigung der KPÖ Bezirksleitung Graz vom 8.4.1948. StLA, LReg-Opferfürsorgeakt zu Roman Langmann.

2 Aussage Roman Langmann. StLA, LGS-Graz-Vr-303-1938.

3 Bericht der Bundespolizeidirektion, Staatspolizeilichen Büros an die Staatsanwaltschaft Graz vom 6.10.1936.

4 Anklageschrift des Landesgerichts für Strafsachen St 8738/37 vom 19.2.1937.

5 Lediglich Johann Rotter (18 Monate) und Franz Lobenwein (12 Monate) wurden nach ihren Geständnissen zu schwerem Kerker verurteilt.

6 Haftschrift gegen Roman Langmann, 13.1.1938 der Bundespolizei Graz. StLA, LGS-Graz-Vr-303-1938.

7 Aussage Roman Langmann. StLA, LReg-Opferfürsorgeakt zu Roman Langmann.

Auch Roman Langmann wurde als bekannter Kommunist und nach der Denunziation einer Nachbarin mehrfach von der Gestapo verhaftet und schließlich am 22. Juni 1940 in das Gefangenenhaus am Paulustor eingeliefert, wo auch die Gestapo ihren Sitz hatte. Die Verhaftung seiner Ehefrau Anna Langmann konnte durch die Intervention eines Bekannten verhindert werden.1 Roman Langmann wurde am 19. August 1940 in einem Häftlingstransport über Wien in das Konzentrationslager Dachau deportiert.2

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1 Nach den Erinnerungen der Familie Langmann soll sich ein Kaufmann namens Juritsch bei der Gestapo für die Familie mit dem Hinweis auf die drei kleinen Kinder eingesetzt haben.

2 Polizeidirektion Graz vom 14.4.1948. StLA, LReg-Opferfürsorgeakt zu Roman Langmann

Das KZ-Dachau war bereits im März 1933 als erstes Konzentrationslager in Deutschland für politische Häftlinge errichtet worden. Insgesamt wurden hier bis Kriegsende über 200.000 Menschen inhaftiert, zumindest 32.000 überlebten die KZ-Haft nicht.

KZ Dachau

Deportation

Roman Langmann erhielt die Häftlingsnummer 16393 und wurde mit einem roten Stoffwinkel an der Kleidung als „politischer“ Häftling gekennzeichnet. Ab 1940 waren immer mehr Häftlinge aus den von der Wehrmacht besetzten Ländern in das KZ Dachau eingeliefert worden. So stieg die Zahl der Gefangenen im Sommer 1940 auf etwa 10.000 Menschen an. Mit Kriegsbeginn hatten sich auch die Lebensbedingungen im KZ Dachau drastisch verschlechtert. Die mörderischen Arbeitsbedingungen, die unzureichende Versorgung und die mangelnde Hygiene im Lager führten zu einem sprunghaften Anstieg der Sterblichkeitsrate.1

Roman Langmann verdankte sein Überleben im KZ Dachau nach eigenen Angaben auch der Tatsache, dass er immer ein kleiner „Esser“ gewesen sei und die oft verdorbenen Rationen nicht gegessen habe.2 Roman und seine Ehefrau Anna Langmann konnten durch einen unregelmäßigen Briefwechsel in Kontakt bleiben. Der Inhalt der kurzen Briefe wurde jedoch von der Postzensur des Lagers streng kontrolliert. Die überlieferten Nachrichten von Roman Langmann an seine Frau enthalten neben herzlichen Grüßen, Sorgen um die Gesundheit und materielle Versorgung der Familie auch unverdächtige Themen wie das Wetter. In einem Brief vom 12. September 1943 drängte er auch darauf, dass seine Familie Graz verlässt, da er befürchtete, dass es in der Stadt noch gefährlich werden könnte. Das Hauptthema seiner Briefe waren jedoch die Kinder, von denen er nun schon seit mehreren Jahren durch die Haft getrennt war.3

Ab 1944 zeichnete sich die Niederlage der Wehrmacht immer deutlicher ab. Die Rote Armee und die Westalliierten rücken auf die Reichsgrenzen vor. Im Stammlager Dachau trafen laufend „Evakuierungstransporte“ aus frontnahen Konzentrationslagern ein, die von der SS aufgelöst worden waren. Das KZ Dachau war zu dieser Zeit mit über 30.000 Häftlingen dramatisch überfüllt. Die katastrophalen Lebensbedingungen führten zum Ausbruch einer Fleckfieberepidemie, die im letzten Kriegshalbjahr tausenden Häftlingen das Leben kostete.

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2 Interview mit Familie Langmann, 1.10.2024.

3 Insgesamt sind zwei Briefe (vom 23.11.1941 und 12.9.1943) von Roman Langmann an seine Ehefrau erhalten geblieben. StLA, LReg-Opferfürsorgeakt zu Roman Langmann

zur Gedenkstätte

1944 wurde das SS-Sonderkommando Dirlewanger auf Befehl Heinrich Himmlers zur SS-Sturmbrigade Dirlewanger erweitert. Aus Mangel an rekrutierbaren Wehrfähigen wurden Häftlinge der SS-Strafgefangenenlager sowie verurteilte SS-, Polizei- und Wehrmachtsangehörige den Einheiten zugeteilt. Ab Sommer 1944 sollen zudem Turkmenen in nicht unerheblicher Zahl zu den Verbänden gestoßen sein. Am 7. Oktober 1944 schlug Dirlewanger Heinrich Himmler schließlich vor, zusätzlich politische KZ-Häftlinge zu rekrutieren, was dieser auch genehmigte. Insgesamt umfasste die SS-Sturmbrigade Dirlewanger Anfang Dezember 1944 etwa 6.500 Mann.1

1 Ebda, 255­258.

Im Konzentrationslager Dachau wurden um den 15. Oktober 1944 alle „Deutschen“ aufgefordert, sich „freiwillig“ zum Dienst in der Wehrmacht zu melden. Diese Meldungen hatten innerhalb von zwei Stunden zu erfolgen. Nach Berichten von Betroffenen konnte von „freiwillig“ jedoch kaum die Rede sein. Auch entstand unter den KZ-Häftlingen eine heftige Diskussion mit zwei Argumentationslinien. Einerseits war man der Meinung, dass allenfalls ein Einsatz als Himmelfahrtskommando bevorstand und man sich keinesfalls als Kanonenfutter in einem Krieg missbrauchen lassen wollte, da der Tod ohnehin als sicher erschien. Andererseits wurde argumentiert, dass im Falle eines Einsatzes vielleicht eine „Aktion“ möglich sei und man sich in die Wälder absetzen oder gegen die Faschisten kämpfen könne. Von den etwa 600 in Frage kommenden „Deutschen“, die sich zu diesem Zeitpunkt im KZ Dachau befanden, meldeten sich schlussendlich etwa 500 Häftlinge, darunter auch Roman Langmann.1

Am Abend des 9. November 1944 wurden 192 Namen verlesen, die sofort von den anderen Häftlingen isoliert wurden. Am nächsten Tag, nachdem die Häftlinge Uniformen ohne Abzeichen und SS-Soldbücher erhalten hatten, war die Verzweiflung groß, da sie nun fürchteten, mit den Verbrechen der SS belastet zu werden. Gleichzeitig wurde deutlich gemacht, dass jede Flucht sofort mit dem Tode bestraft würde. Nachdem die Gruppe am 10. November 1944 unter SS-Bewachung den Bahnhof Dachau verlassen hatte, war die Überraschung groß, als sich herausstellte, dass sie in Richtung „Ostfront“ transportiert wurden. Niemand konnte sich vorstellen, dass die Nationalsozialisten ausgerechnet politische Häftlinge, darunter vor allem Kommunisten, gegen die Rote Armee kämpfen lassen wollten. Erst nach ihrer Ankunft in Krakau am 18. November 1944 erfuhren die Häftlinge, dass sie der „Brigade Dirlewanger“ zugeteilt worden waren und was es mit dieser Brigade auf sich hatte. Die Hilflosigkeit war groß, viele dachten an Selbstmord als letzten Ausweg.2

Nach der Weiterfahrt in die Slowakei, wo etwa 600 KZ-Häftlinge aus Dachau, Mauthausen, Flossenbürg, Sachsenhausen und Neuengamme zusammengezogen wurden, erfolgte bis Anfang Dezember 1944 eine kurze Ausbildung mit Waffen, jedoch ohne Munition. Entgegen den Erwartungen der Häftlinge blieb die „Dachauer Gruppe“ zusammen. Sie bildete schließlich die 10. Kompanie des Ill. Bataillons des II. Regiments. Nach einem ersten Einsatz des II. Bataillons am 8. Dezember 1944, bei dem ein slowakisches Bergdorf umstellt wurde und die 10. Kompanie zur Bewachung des Umlandes eingesetzt worden war, war allen Beteiligten klar, dass etwas geschehen muss. Es wurde beschlossen, dass, sobald alle Waffen und Munition haben und es zu einem Kontakt mit der Roten Armee kommt, in den ersten Stunden eine Entscheidung fallen muss.3

Am 9. Dezember 1944 erfolgte der Abmarsch in Richtung ungarische Grenze und zwei Tage später wurde die 10. Kompanie zu ihrem ersten Fronteinsatz geschickt. Noch am selben Abend ließen sich drei ehemalige Dachauer KZ-Häftlinge beim ersten „Feindkontakt“ gefangen nehmen, um das Überlaufen der Kompanie zu verhandeln und vorzubereiten. Es dauerte noch bis zum Vormittag des 14. Dezember, bis der Großteil der Einheiten im Schutz eines russischen Feuerüberfalls geschlossen überlaufen konnte. Insgesamt gelang in diesen Tagen etwa 420 ehemaligen KZ-Häftlingen die Flucht.4

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1 Brief von Karl Röder an Hans Schwarz vom 24.11.1967; Bericht Karl Röders über die Dachauer Gruppe bei der SS-Sturmbrigade Dirlewanger. Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (München), Röder, Karl (SS Dirlewanger). Siehe auch: Karl Röder, Nachtwache. 10 Jahre KZ Dachau und Flössenbürg, Wien-Köln-Graz 1985, Nachwort, 337ff.

2 Ebda.

3 Ebda.

4 Ebda.

Doch die Gefangenschaft nahm kein Ende, denn niemand auf Seiten der Roten Armee konnte glauben, dass Hitler ausgerechnet ein Bataillon KZ-Häftlinge an die Front schicken würde. So starben noch im Dezember die ersten „Dachauer“ als russische Kriegsgefangene auf den Gewaltmärschen nach Osten und es dauerte bis ins Jahr 1947, bis die letzten Überlebenden in ihre Heimat zurückkehren konnten.1

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1 Brief von Karl Röder an Hans Schwarz vom 24.11.1967; Bericht Karl Röders über die Dachauer Gruppe bei der SS-Sturmbrigade Dirlewanger. Archiv des Instituts für Zeitgeschichte (München), Röder, Karl (SS Dirlewanger). Siehe auch: Karl Röder, Nachtwache. 10 Jahre KZ Dachau und Flössenbürg, Wien-Köln-Graz 1985, Nachwort, 337ff.

Romen Langmann kehrte nach seiner Kriegsgefangenschaft im September 1945 zurück nach Graz. Die damals zehnjährige Tochter Anna Lore ging gerade mit ihrer Mutter zum Einkaufen, als ihnen ihr Vater auf der Straße entgegenkam. Nach über sechs Jahren Haft bzw. Gefangenschaft erkannte sie ihren Vater zunächst nicht wieder und musste ihn erst wieder kennen lernen.1 Roman Langmann war bei seiner Rückkehr gesundheitlich schwer angeschlagen und litt an Lungentuberkulose. Er suchte nach dem Opfer-Fürsorgegesetz um Unterstützung und um Ausstellung einer Amtsbescheinigung an. Diese wurde Roman Langmann nach intensiver Prüfung auch gewährt.2

Ab 1. Dezember 1946 war Roman Langmann als Vertragsbediensteter bei der Finanzlandesdirektion Graz beschäftigt. Bis Anfang der 1970er Jahre lebte er mit seiner Ehefrau Anna in der kleinen Wohnung in der Steinbergstraße. Dann übersiedelten sie nach Grambach und verbrachten ihren Lebensabend wohlbehütet im Kreise ihrer Familie. Am 10. Juli 1978 wurde Roman Langmann vom österreichischen Bundespräsidenten das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs verliehen. Roman Langmann verstarb am 24. April 1993 im 91. Lebensjahr.

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1 Interview Familie Langmann 1.10.2024.

2 Ein erstes Ansuchen um Anerkennung als politischer Häftling wurde von Roman Langmann am 26.11.1945 gestellt und vom Polizeipräsidium Graz am 7.12.1945 bestätigt.

Recherche und Zusammenstellung Heribert Macher-Kroisenbrunner, November 2024

Quellen/Archive:

  • Arolsen Archives International Center on Nazi Persecution; https://arolsen-archives.org/
  • Informationen aus der Familie Langmann;
  • Matrikeneinträge auf Marticula Online
  • Kirchenbücher Bistum Essen online
  • Meldeamt der Stadt Graz
  • Österreichische Nationalbibliothek
  • Steiermärkisches Landesarchiv